Standpunkt
Prävention als Haltung
Warum Gesundheit und Prokrastination schwerlich zusammenpassen
Prokrastination ist der Begriff, den wir alle unter „Aufschieberitis“ kennen dürften. Er besagt schlicht, dass wir notwendige Aufgaben aufschieben, obwohl wir wissen, dass die Folgen keine angenehmen sein werden. Irgendwie sind wir darin erstaunlich gut. Dennoch, so meine ich, macht es einen Unterschied, ob das Aufräumen des Schreibtisches bis zum Gehtnichtmehr aufgeschoben wird oder gesundheitliche Fürsorge.

Was den Gesundheitsbereich betrifft, lässt sich gleich eine doppelte „Aufschieberitis“ beobachten. Einmal meine ich den Umgang des Gesundheitssystems und der Politik mit dem Thema Prävention, zum anderen unseren eigenen, der erstaunlicherweise selten thematisiert wird.
In ihrem Präventionsbericht 2025 nennen die Krankenkassen die Summe von 686 Millionen Euro als neuen Höchststand in Sachen Präventionsausgaben. Dass dieser Summe Leistungsausgaben der GKV von rund 312 Milliarden Euro gegenüberstehen und damit der Anteil für Gesundheitsförderung bei 0,22 Prozent liegt, ist weitaus weniger Teil der Erzählung. Wenngleich diese Investition begrüßenswert ist, bleibt sie unterm Strich ein Tropfen auf den heißen Stein.
Und da ist noch etwas: Prävention braucht Zeit, viel Zeit. Es handelt sich um eine deutliche Vorab-Investition zur Vermeidung chronischer Krankheiten und um eine proaktive Maßnahme, die dem Erhalt von Gesundheit und Lebensqualität dient. Allein, nicht nur ihr Erfolg ist schwer messbar, weil verhinderte Krankheiten nicht als behandelte Fälle auftauchen. Mit ihr lässt sich anfänglich auch nichts sparen. Prävention kostet sofort, während ihre Wirkung häufig erst deutlich später sichtbar wird.
Diese Zeit hat Politik selten. Im heißdiskutierten GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz liegt der Fokus auf Sparen und Kurzfristigkeit. Beabsichtigt ist eine schnelle Entlastung der Beitragszahlenden durch eine Begrenzung der Ausgabendynamik, die vor allem eines sein soll: mess- und spürbar auf dem Lohnzettel und in den Kassenbüchern. Die Systemlogik dahinter kann nicht anders als reaktiv beschrieben werden. Es geht um die Verwaltung von Mangel und akuten Krankheitskosten. Anschaulicher lässt sich ein Problem kaum aufschieben.
Bleiben wir als Bürgerinnen und Bürger, die sich irgendwie in diesem System eingerichtet haben. Der Präventionsgedanke in Eigenverantwortlichkeit liegt uns eher fern. Kurz, wir sind es gewohnt, dann eine Behandlung in Anspruch zu nehmen, „wenn wir etwas haben“. Obwohl wir beispielsweise wissen, welche gravierenden Folgen langes Sitzen haben kann, agieren wir zu selten präventiv, meine ich. Der Satz: „Eigentlich müsste ich gesünder essen, länger schlafen, mich mehr bewegen und auf Auszeiten achten.“ gehört vermutlich zu jenen inflationär benutzten Sätzen, die wir selten einlösen.
Stattdessen schieben wir auf. Thomas Kämmerling, der als Geschäftsführer der kws GmbH den Podcast „Physio Business“ moderiert, formulierte unlängst bewusst provokant, dass er 10er-Karten für Gesundheitstraining im Grunde genommen für irreführend halte, da schließlich lebenslänglich trainiert werden müsse, um gesund zu bleiben.
In meiner Welt bedeutet das: Ich muss mich bewusst dafür entscheiden, Vorsorge zu treffen, lange bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist. Meines Erachtens gelingt dies nur, wenn wir Prävention auf gesellschaftlicher, politischer und privater Ebene nicht länger als reinen Kostenfaktor verstehen, sondern als Haltung und Investition in die eigene Gesundheit und in die zukünftige Leistungsfähigkeit unserer Gesellschaft.
Anabell Eckstein
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